Teil 3, 800 Jahre in Deutschland

800 Jahre franziskansiches Leben in Deutschland
Teil 2, 800 Jahre in Deutschland
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800 Jahre franziskansiches Leben in Deutschland
Teil 4, 800 Jahre in Deutschland
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Teil 3, 800 Jahre in Deutschland

800 Jahre franziskansiches Leben in Deutschland
800 Jahre franziskanisches Leben in Deutschland

Anlässlich des 800jährigen Jubiläums entstehen auf Initiative der drei Provinziäle des 1. Ordens 12 Kurztexte, die später auch einmal als Büchlein erscheinen sollen. Bis dahin können sie in allen franziskanischen Medien benutzt werden. Wir haben die Erlaubnis bekommen – vielen Dank dafür! –  diese Texte auch bei uns zu veröffentlichen.

Teil 1: Warum wir das Jubiläum feiern sollten
Teil 2: Ja und Amen oder auch nicht: Wie die ersten Franziskaner in Deutschland scheiterten

Teil 3: Aus Schaden klug geworden: Die Brüder wagen sich erneut nach Deutschland

Vor 800 Jahren, an Pfingsten 1221, versammelte sich die rasant wachsende Brüderschar um Franziskus bei der Portiunkula zu Füßen Assisis, um das jährliche Kapitel gemeinschaftlich abzuhalten. Wichtige Entscheidungen hatten die 3000 anwesenden Brüder getroffen: Vor allem nahmen sie die Regel an, die Franziskus ihnen geschrieben hatte und die, weil sie nicht päpstlich bestätigt werden sollte, als „nicht-bullierte“ Regel bezeichnet wird. Kurz vor dem Ende des Zusammentreffens meldete sich Franziskus noch einmal zu Wort. Weil er von Krankheit geschwächt, nur leise sprechen konnte, wiederholte Bruder Elias laut seine Worte:

„Es gibt eine Gegend [genannt] Deutschland, wo es christliche und fromme Leute gibt, die – wie ihr wisst – oft schwitzend und in der Sonnenglut mit langen und dicken Kerzen durch unser Land ziehen, indem sie Gott und den Heiligen Loblieder singen, um die Stätten der Heiligen zu besuchen. Weil nun einige Male die zu ihnen gesandten Brüder misshandelt zurückkehrten, will der Bruder [Franziskus] niemanden drängen, dorthin zu gehen. Aber wenn welche erfüllt mit Eifer für Gott und für das Heil der Seelen gehen wollten, denen will er denselben, ja noch reichlicheren Segen des Gehorsam geben wie jenen, die übers Meer gehen. Gäbe es welche, die gehen möchten, sollen sie aufstehen und zur Seite gehen.“

Und tatsächlich folgten spontan 90 Brüder freiwillig Franziskus Wunsch, den uns der Augenzeuge Bruder Jordan von Giano in seiner Chronik über die franziskanischen Anfänge in Deutschland überliefert hat. In welche Gefahr sich dabei seine Brüder begeben würden, war Franziskus durchaus bewusst. Er schätzte offensichtlich eine Reise nach Deutschland für seine Brüder als ebenso risikoreich für Leib und Leben ein, wie die Gefahren, denen sich Brüder aussetzten, die zu den Muslimen über das Mittelmeer nach Nordafrika oder ins Heilige Land unterwegs waren. Ganz ähnlich dachten – einschließlich Jordan von Giano – die allermeisten der versammelten Brüder. In frischer Erinnerung waren ihnen noch die schmerzhaften und bitteren Erlebnisse, von denen die gepeinigten Rückkehrer aus Deutschland zu berichten wussten. Umso erstaunlicher erscheint die Einsicht der Brüder, dass der Wille allein, der die Brüder 1219 auszeichnete, nicht ausreichte, ein tragfähiges Fundament des Ordens in Deutschland zu bauen. Vielmehr erwiesen sich ausreichende Sprachkenntnisse als ebenso unabdingbar wie eine umsichtige Planung der Reise und eine durchdachte Strategie für das Vorgehen im Deutschen Reich. Dazu bedurfte es einer überlegten Auswahl der Brüder, die an dem neuerlichen Zug über die Alpen teilnehmen sollten.

Mit Cesarius von Speyer bestimmte das Kapitel einen dazu hervorragend geeigneten Bruder zum ersten Minister der künftigen Deutschen Provinz „Theutonia“. Ihn prädestinierte nicht nur seine Muttersprache für diese Aufgabe, sondern auch seine in Paris erworbene theologische Ausbildung. Cäsarius, der im Heiligen Land der Gemeinschaft beigetreten war und 1220 Franziskus auf dessen Rückweg von Palästina nach Italien begleitet hatte, wählte zunächst aus den 90 Brüdern insgesamt 12 Kleriker- und 13 Laienbrüder aus. Diese verteilte er zur Vorbereitung auf die Reise zunächst auf verschiedene Häuser des Ordens in der Lombardei, während Cäsarius selbst sich für drei Monate ins Spoletotal zurückzog. Nach dieser Zeit der inneren Vorbereitung trafen sich die Brüder Ende September 1221 in Trient, wo sie der Bischof aufnahm und ihnen in seiner Diözese zu predigen erlaubte. Daraufhin schloss sich ein reicher Bürger Trients „mit guten Kenntnissen der lombardischen und deutschen Sprache namens Peregrin“ den Brüdern an. Diese hatte er zuvor mit „neuen Ober- und Unterkleider versorgt“ und „dann seinen übrigen Besitz verkauft und unter die Armen verteilt“. So berichtet es Jordan von Giano, der zu der nach Deutschland ziehenden Gruppe von Brüdern zählte.

Dank seiner detailreichen Berichterstattung wissen wir auch, dass Cesarius die Brüder in Zweier- oder Dreiergruppen zunächst weiter nach Bozen, dann nach Brixen vorausschickte. Anschließend „stiegen sie in die Berge und erreichten nach dem Mittagessen der Leute Sterzing. Die Leute hatten gerade kein Brot zur Hand, und die Brüder verstanden nicht zu betteln. Denn sie hofften abends an einen Ort zu kommen, wo man sie menschlich mildtätig stärken würde.“ Eindringlich schildert Jordan ihre Strapazen, hungrig und durstig, „im Herzen jedoch voller Freude“ über den Brenner zu gelangen, um mit Mühe Matrei zu erreichen, wo „ihnen zwei gastfreundliche Männer für zwei Denare Brot kauften“, das sie zusammen mit erbettelten Rüben aßen. Was Jordan nicht eigens erwähnt, weil es für die Brüder selbstverständlich war: Sie zogen zu Fuß und wahrscheinlich wie es ihre Art war, auch barfuss nach Deutschland, wo man ihnen vielerorts wegen dieser Gewohnheit bald den Namen „Barfüßer-Brüder“ verlieh. Bereits Mitte Oktober erreichten sie Augsburg. Dort empfing sie der Bischof „sehr gütig“ und von Klerus und Volk wurden sie „wohlwollend aufgenommen und ehrerbietig gegrüßt“. Ihr Provinzialminister Cäsarius sammelte unterdessen seine mittlerweile auf 31 Brüder angewachsene Gemeinschaft zum ersten Kapitel der neuen Provinz Theutonia. In Augsburg schrieben sie gleichsam das erste Kapitel einer noch immer lebendigen und ereignisreichen Geschichte ihres Ordens in Deutschland.

Bernd Schmies
Fachstelle Franziskanische Forschung


Teil 4: Mit Herz und Verstand: Wie die ersten Franziskaner Deutschland für sich gewannen